3/5,  Kurzgeschichten,  Rezension,  Weihnachten

Ferdinand von Schirach – Carl Tohrbergs Weihnachten

„Tohrberg geht ins Freie, niemand hält ihn auf. Es hat wieder angefangen zu schneien. Er fühlt sich leicht, er würde jetzt gern singen. „Frère Jacques“ wäre schön, denkt er. Er beginnt zu summen. Eine Viertelstunde später klingeln die Kriminalbeamten.“

Ein Bäcker versucht nach einem Gefängnisaufenthalt wieder im Leben anzukommen. Einem pensionierten Richter fällt der Ruhestand nicht leicht. Und Carl Tohrberg ist ein Mann, der so vieles hätte werden können und von seiner eigenen Familie vernichtet wurde.

Ferdinand von Schirach ist einer der bekanntesten deutschen Strafverteidiger und erzählt auch in diesem Buch, das erstmals 2012 im Piper Verlag erschienen ist, von besonderen Fällen, mit denen er in seiner Karriere konfrontiert wurde. In 3 Kurzgeschichten regt Schirach seine Leser wieder zum Nachdenken an. Schockierend dabei ist, dass die einzelnen Geschichten schlicht und einfach der Realität entstammen.

Die Protagonisten führen jeweils ein scheinbar „normales“ Leben, eben unauffällig und angepasst an die gesellschaftlichen Normen. Irgendwann erreichen sie aber einen Punkt, an dem ihre Geduld ein Ende hat: Eine Kränkung oder Verletzung zu viel und Wut und Ärger brauchen ein Ventil, das sie aus dem „normalen“ Leben ausbrechen lässt. Schirach beschreibt dabei traumatische Erlebnisse, die Menschen aus der Bahn werfen können. Es geht um Liebe, Eifersucht, das Gefühl der Einsamkeit und seelische Schmerzen.

Zwar sind die Geschichten wieder in der typischen Schirach-Art erzählt, doch können sie nicht mit denen der anderen Kurzgeschichten-Bände mithalten. Lediglich die Geschichte um Carl Tohrberg hat einen fesselnden Charakter und ist zudem die einzige, in der das Weihnachtsfest – das man thematisch von der Wahl des Titels her erwartet – eine bedeutende Rolle einnimmt. Die Protagonisten sind sich recht ähnlich und eher schwach gezeichnet, was wenig Abwechslung in die Geschichtensammlung bringt.

Schirachs Erzählstil ist gewohnt nüchtern und sachlich. Es reihen sich kurze, knappe Sätze aneinander, und doch wird alles Wichtige gesagt. Die menschlichen Facetten und Taten der Protagonisten werden dabei keinesfalls bewertet. Die minimalistische Darstellung unterstreicht den messerscharfen und präzisen Schreibstil.

Auch in diesem Werk schafft es Schirach wieder, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten und die Abgründe der Menschheit aufzuzeigen. Die Geschichten haben zwar vereinzelte Schwächen, können aber trotzdem überzeugen. 

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