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Selma Lagerlöf – Liebe Sophie, Liebe Valborg

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Die Schwedin Selma Lagerlöf, die vor allem für ihr Kinderbuch über Nils Holgersson und die Wildgänse bekannt geworden ist, lebte von 1858 bis 1940. Rund 40 Jahre ihres Lebens war sie mit zwei Frauen befreundet, für die sie jedoch mehr empfand als nur Freundschaft. Zunächst lernte sie die Schriftstellerin Sophie Elkan kennen, in die sie sehr verliebt war, die ihre Gefühle jedoch auf rein platonischer Ebene erwiderte. Dennoch verbrachten die beiden oft monatelange Urlaube zusammen und reisten kreuz und quer durch Europa und den Nahen Osten. Sophie hingegen war in einen Belgier verliebt, worauf Selma sehr eifersüchtig reagierte. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als sie die zweite Frau in ihrem Leben, die Lehrerin Valborg, kennen und lieben lernte. Im Gegensatz zu Sophie war Valborg einer sexuellen Beziehung offenbar nicht abgeneigt. Diese Beziehung löste wiederum bei Sophie eine enorme Eifersucht aus, die sogar in einer öffentlichen Szene mündete. Doch auch Valborg war durchaus eifersüchtig, besonders, wenn Selma und Sophie mal wieder auf Reisen waren.

Selma Lagerlöf sah sich gezwungen, beide Frauen über gewisse Dinge anzulügen. So gab sie ein von langer Hand geplantes Treffen mit Valborg als zufällige Begegnung aus und erzählte Valborg, dass Sophie ihr auf die Nerven ginge und sie ihre Freundschaft nur aus Rücksicht auf deren Gesundheit nicht beende.

Der Leser kann diese Dreiecksgeschichte durch die in dem Buch „Liebe Sophie, Liebe Valborg” abgedruckten 121 Briefe Selma Lagerlöfs an die beiden Frauen nachverfolgen. Insgesamt schrieb Selma weit über 3.000 Briefe an Sophie und Valborg. Da diese natürlich nicht alle Eingang in das Buch finden konnten, werden entstehende Lücken durch Erläuterungen des Herausgebers Holger Wolandt gefüllt. Allerdings reicht dies insbesondere in den ersten Jahren oft nicht aus. Selma schrieb in ihren Briefen häufig über Schriftstellerkollegen und andere wichtige Persönlichkeiten, über Bücher jener Zeit und auch über Familienangehörige. Wer mit diesen Personen und Büchern nicht vertraut ist, hat bisweilen Probleme, ihre Berichte und Kommentare nachzuvollziehen.

Interessant ist das Buch dennoch. Der Leser lernt Selma als einen sehr kritischen, bisweilen schwierigen, aber auch humorvollen Menschen kennen. Würde sie heute leben, wäre sie wahrscheinlich als eine polarisierende Persönlichkeit bekannt. Die unzensierte Art, in der sich Selma in ihren Briefen ausdrückte, löst bisweilen großes Erstaunen aus. Ihre Freundinnen mussten teils harsche Kritik einstecken, umgekehrt war dies jedoch offenbar ebenso der Fall. Dass die Frauen dies aushielten, zeigt, wie innig ihre Freundschaften waren. Häufig philosophiert Selma über die Liebe oder über die Stellung unverheirateter Frauen in der Gesellschaft. Und auch ihre politischen Ansichten kommen immer wieder zur Sprache, besonders zur Zeit des Ersten Weltkrieges und des aufkommenden Nationalsozialismus.

Das auf dem Umschlag abgebildete Gemälde von Selma Lagerlöf sowie zwei Portraits von Sophie und Valborg im Klappentext sind die einzigen Illustrationen im Buch. Ein paar Fotos der Frauen über die Jahrzehnte wären schön gewesen, aber diese kann man bei Bedarf auch im Internet finden.

Wer sich für Selma Lagerlöf interessiert, erhält mit diesen erstmals in deutscher Sprache vorliegenden Briefen eine gute Gelegenheit, die Schriftstellerin außerhalb ihrer Romane und Erzählungen kennen zu lernen. Wer kein eingefleischter Lagerlöf-Fan oder Kenner der schwedischen Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts ist, wird einzelne Briefe jedoch eher als anstrengend empfinden.

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