5/5,  Favoriten,  Gegenwartsliteratur,  LGBT,  Rezension,  Science Fiction

Angela Chadwick: XX – Was wäre wenn

England, ungefähr zu unserer Zeit: Ein Forscherteam der Universität Portsmouth hat die Methode der Ovum-in-Ovo-Fertilisation, kurz O-in-o, entwickelt. Diese ermöglicht die Zeugung eines Embryos mit den Eizellen zweier Frauen ohne Beteiligung männlicher DNA. Die Sache hat nur einen Haken: Kinder von zwei Müttern können nur Mädchen werden, denn das für Jungen erforderliche Y-Chromosom kann nur von einem Mann beigesteuert werden. Diese Tatsache ruft große Hysterie hervor. Konservative Gruppierungen und ihnen nahestehende Wissenschaftler erklären, dass durch diese Methode Männer überflüssig werden und die Zahl der Jungen in naher Zukunft dramatisch abnehmen werde, was große Konsequenzen u. a. für den Arbeitsmarkt nach sich zöge. Die Argumentation wird von zahlreichen Medien bereitwillig aufgegriffen und von einem Kommunalpolitiker als Wahlkampfthema genutzt.

Dennoch wird die Methode durch das britische Parlament genehmigt und die ersten lesbischen Paare werden auf diese Weise schwanger. Trotz des Wunsches aller Beteiligten, aufgrund der aufgeheizten Stimmung anonym zu bleiben, werden zwei der Frauen in einer Zeitung „geoutet“. Und so beginnt ein Spießrutenlauf, der seinesgleichen sucht.

Auch wenn die Thematik ein wenig nach Science Fiction klingt, geht der Roman „XX – Was wäre wenn“ aus Sicht der Ich-Erzählerin Jules insbesondere auf die Rolle der Medien ein. Wie auch Angela Chadwick, die Autorin des Romans, ist Jules selbst Journalistin und reflektiert und antizipiert das Verhalten der Medien im Allgemeinen und ihrer Kollegen im Besonderen. Hinzu kommt die Suche nach dem „Maulwurf“, der sie an die Presse verraten hat. Besonders deutlich wird auch, wie belastend die Situation für alle Beteiligten – Freunde, Verwandte und das Forscherteam eingeschlossen – ist.

Der Roman wirft viele Fragen auf, die jede*r Leser*in für sich selbst beantworten muss: Ist die Zeugung von Kindern mit zwei biologischen Müttern ethisch vertretbar? Hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, permanent über die beteiligten Frauen auf dem Laufenden gehalten zu werden? Welche Grenzen müssen den Medien gesetzt werden? Und darf ein Politiker seinen Wahlkampf auf Kosten einzelner Personen aufbauen?

Die aktuelle gesellschaftliche und politische Stimmung, nicht nur in Europa, wird von der Autorin geschickt aufgegriffen und in einem spannenden Roman umgesetzt, der problemlos in einem Rutsch gelesen werden kann.

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