Gegenwartsliteratur,  Rezension,  Summer Reading Challenge 2018

Michael Bertl – Drei für Moskau

Life Is a Highway: Read a book that features a road trip.

Nachdem sein Untermieter abhaut, ohne die letzte Miete zu zahlen, findet Spax in seiner Wohnung große Mengen originalverpackter Scheibenwischerblätter – westdeutsche Markenware. Wenige Monate nach dem Fall der Mauer kann man damit im Osten ein Vermögen verdienen – davon ist Spax überzeugt. Und so überredet er seinen besten Freund Tom, mit ihm in einer alten Schrottkarre 2000 km von Berlin nach Moskau zu fahren, um die Wischerblätter an den Mann zu bringen. Unterwegs sammeln die beiden außerdem die Anhalterin Tina ein, die ebenfalls von Berlin nach Moskau reist, um den Mann zu finden, der ihr Herz gebrochen und ihr Geld gestohlen hat.

Doch ganz so einfach, wie Tom und Spax sich die Fahrt vorgestellt haben, ist es nicht. Die Bürokratie ist in Russland sehr lebhaft so kurz nach der Wende. Die Reisenden müssen sich regelmäßig an vorher festgelegten Orten melden, andernfalls wird nach ihnen gefahndet. Sie dürfen auf gar keinen Fall von der vorgegebenen Route abweichen. Und alle Nase lang müssen Polizisten oder Soldaten bestochen werden, damit die Reise fortgesetzt werden kann. Da diese von Rubel nichts wissen wollen, die D-Mark jedoch an der Grenze komplett gewechselt werden musste, schmilzt der Vorrat an Wischerblättern zusehends.

Die Reise stellt für alle Drei auch eine Flucht dar – vor der Perspektivlosigkeit, mit der sie sich in ihren Berliner Leben konfrontiert sehen – und das in einer Zeit, in der alles möglich scheint. So ist es für sie nicht nur eine Reise in eine fremde Welt, sondern auch zu sich selbst.

Michael Bertl ist Drehbuchautor und Kameramann. Das merkt man seinem Roman „Drei für Moskau“ an. Er hat ein aberwitziges Roadmovie geschaffen, das ohne weiteres genau so verfilmt werden könnte. Die triste polnische, weißrussische und russische Landschaft, durch die die Drei fahren sowie die Menschen, denen sie begegnen, werden aus Toms Perspektive so anschaulich beschrieben, dass man sie bildlich vor sich sieht. Und so sorgt der Roman nicht nur für unterhaltsame Stunden, sondern auch für einen Einblick in die Ostblockstaaten zur Zeit der Wende.

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