5/5,  Fantasy,  Favoriten,  Rezension,  Young Adult

Leigh Bardugo – Die Sprache der Dornen: Mitternachtsgeschichten

„Daran sieht man, dass das Unsichtbare manchmal nicht zum Fürchten ist, und dass die, die uns am meisten lieben sollten, nicht immer die sind, die es tun.“

Die junge und unscheinbare Ayama wird hinaus in die Wüste Semenis geschickt, um ein scheinbar grausames Ungeheuer zu bezwingen. Der zu kluge Fuchs aus Rawka, der von Geburt an weiß, dass man mit genug Gerissenheit dem Tod entgehen kann, versucht das Leben der Waldbewohner vor einem berüchtigten Jäger zu retten. Ebenfalls in den Wäldern von Rawka verschwinden nahe einem kleinen Dorfe immer wieder Kinder und die junge Nadja entdeckt das Haus der Waldhexe. Grischa besitzen in Rawka einen niedrigen Rang. Doch als der junge Fluter Semyon eine Chance erhält, um sich zu beweisen und gesellschaftlich aufzusteigen, zögert er nicht lange und stellt sich einer schwierigen Aufgabe. In Kerch kreiert ein Uhrmacher die sonderbarsten und beinahe lebendig erscheinenden Spielereien. Als er seiner Auserwählten einen Soldatenprinz schenkt, verschmelzen Realität und Fantasie. Im Unterwasservolk der Sildroher verbinden sich die Gesänge von Signy und Ulla zu einer immensen Kraft und der neu erlangte Ruhm beschert ihnen eine Einladung zum jährlichen Besuch in der Menschenwelt Fjerdas.

Leigh Bardugos‘ „Die Sprache der Dornen: Mitternachtsgeschichten“, im englischen Original „The Language of Thorns: Midnight Tales and Dangerous Magic“, ist eine Anthologie und umfasst die Erzählungen Ayama und der Dornenwald, Der zu kluge Fuchs, Die Hexe von Duwa, Kleines Messer, Der Soldatenprinz und Als das Wasser das Feuer ersang, die teilweise bereits einzeln publiziert wurden. Die deutsche Übersetzung erschien erstmals im Oktober 2018 im Knaur Verlag.

Bardugo ergänzt mit sechs märchenhaften, aber auch düsteren und teilweise brutalen Erzählungen aus den fiktiven Regionen Nowij Sem, Rawka, Kerch und Fjerda ihr Grischaverse. Dabei spielt sie mit der Erwartungshaltung der Leser, indem sie die am Anfang genutzten Klischees altbekannter Märchen untergräbt: Ein Happy End ist nicht immer das erklärte Ziel. Stattdessen geht es um die Entdeckung der verborgenen Wahrheit und des eigenen, individuellen Ichs. Gut und Böse sind nicht eindeutig definiert, wobei sich den Protagonisten moralische Abgründe auftun und die Antagonisten sympathische Züge erhalten. Wie auch in den klassischen Werken darf aber auch hier nicht die Moral am jeweiligen Ende fehlen, welche allerdings jeweils von denen der klassischen Märchen abweicht. Bardugo schafft dabei moderne Erzählungen mit oftmals starken Heldinnen und einem an unsere Zeit angepassten Frauenbild.

Inhaltlich und auch sprachlich orientiert sie sich an klassischen Märchen, aber setzt dabei ihre kreativen Ideen um und schafft ihre ganz eigenen Erzählungen. Auffällig ist dabei der stets unerwartete Verlauf der Erzählungen. Bardugos Schreibstil erzeugt eine märchenhaft-düstere Atmosphäre, die mit der Gesamtstimmung ihrer anderen Werke im Grishaverse harmoniert.

Optisch ist das Buch ein wahrer Hingucker. Die äußere Aufmachung besticht durch einen schwarz-blauen Bezug mit roségoldenen Verzierungen und wird nur noch durch die Visualisierung der Erzählungen im Innenteil übertroffen. Die Illustratorin Sarah Kipin hat jede einzelne Erzählung mit inhaltlich passenden Motiven eingerahmt. Die Seitenränder füllen sich im Verlauf der Handlung, bis sie am Ende zu einem vollständigen Bild zusammengewachsen sind. Jede Erzählung schließt mit einer zweiseitigen Illustration ab, die den Inhalt widerspiegelt.

Düster, spannend und lehrreich: Leigh Bardugo erzählt in „Die Sprache der Dornen: Mitternachtsgeschichten“ sechs Märchen aus dem Grishaverse, die genauso schön wie die Machart dieses Buches sind. Dabei sind sie nicht nur für Fans ihrer bisherigen Werke geeignet, sondern für alle, die etwas dunklere Erzählungen voller Magie und Fantasie – gerade zur dunklen und kalten Jahreszeit – zu schätzen wissen. 

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